Geschichte

«Aus Geist und Hand das Schöne schaffen»,

 

So lautete der Wahlspruch von Fida Lori, der ersten Leiterin der Tessanda. In dieser Tradition ist die Tessanda nun fast 90 Jahre alt geworden. Und in jugendlicher Frische gibt sie sich alle Mühe, auch noch älter zu werden!

 

Natürlich begann das Handweben im Münstertal nicht erst vor 90 Jahren. Man nimmt an, dass das Val Müstair seit der mittleren Bronzezeit (ca. 1500 v.Chr.) besiedelt ist. Diese Menschen dürften bereits selbstgewobene Textilien getragen haben. Das älteste Zeugnis besitzen wir allerdings erst aus der Zeit um 830 n.Chr. Freskenmaler hatten damals in der Klosterkirche von Müstair das 1983 von der UNESCO auf die Liste Weltkulturerbe aufgenommen würde, das komplizierte Flechtbandmuster vorgezeichnet. Dabei haben sie im weichen Malputz nicht nur Fingerabdrücke hinterlassen, sondern auch das Textilmuster eines handgewobenen Ärmels, übrigens eine Köperbindung.

 

Bis um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert stand praktisch in jedem Münstertaler Bauernhaus ein Webstuhl, und jede Familie hatte ein kleines Flachsäckerlein und einen «puoz», einen Teich zum Rotten oder Rösten der Flachsstengel. Bevor diese jahrhundertalte Tradition des Handwebens dann gänzlich verschwand, hat sie der initiative und sozial engagierte Pfarrer von Sta. Maria, Rudolf Filli (1876–1962), institutionalisiert, wie  dies zur selben Zeit in der ganzen Schweiz durch das Heimatwerk gemacht wurde. Im Sinne der Frauenförderung war sein Ziel, den Münstertalerinnen ein eigenes Einkommen zu sichern und sogar die Möglichkeit einer anerkannten Fachausbildung als Handweberin zu ermöglichen. 1928 ernannte er Fida Lori (1897–1952) zur ersten Leiterin der Tessanda. Sie hat mit ihrem idealistischen Gedankengut die Tessanda nachhaltig geprägt.

Ungezählte Münstertalerinnen fanden danach in der Tessanda eine Ausbildung - ab 1949 nach BIGA- Reglement an der Berufsschule in Sta. Maria - und ein bescheidenes Einkommen. Aber die Tessanda diente auch der Selbstversorgung: Der «Wäscheschatz einer Bündner Braut», einer Weberin aus Valchava, erhielt einen Ehrenplatz an der Schweizer Landesausstellung «Landi» 1939 in Zürich.


Ida Rothenberger Pfenninger (*1913???) leitete von 1952–1967 die Geschicke der Tessanda, die sich in dieser Zeit als Stiftung konstituierte und 1959 ein eigenes Haus beziehen konnte.


1968 wird Reingard Neunhoeffer (*1940) die dritte Leiterin der Tessanda. Als engagierte und fachlich sehr versierte Weberin übt sie ihre Aufgabe bis 2003 aus. Sie sieht sich vor grosse Herausforderungen gestellt. Der Absatz stagniert oder geht zurück. Alle grösseren Handwebereien der Schweiz schliessen. Die Muster sind ausser Mode gekommen – die junge Generation weiss mit Handgewobenem nichts anzufangen.

2006 übernimmt ein neuer Stiftungsrat die Verantwortung für die Weberei, die bis weit über die Kantonsgrenzen für seine handgewobenen Textilien bekannt ist. Ausserhalb der Web Stube mit ihrer traditionellen Arbeitsweise geht man mit der Zeit: Ein Webshop wird eingerichtet, um den Verkaufsradius über das Münstertal hinaus zu vergrössern und das Handgewobene online zu verkaufen. Obwohl die hohe Qualität der Stoffe unangefochten ist und ein allgemeiner Trend hin zu von Hand gearbeiteten und natürlichen Produkten aufkommt, bleibt die Wirtschaftlichkeit jedoch nach wie vor eine grosse Herausforderung.

 

Mitte 2017 übernimmt ein neuer Stiftungsrat die Verantwortung für die Tessanda. Er ernennt Marjoleine Pitsch als Geschäftsführerin. Zusammen mit den engagierten und kompetenten Weberinnen, Näherinnen und Lernenden ist man sich einig: Natur, Natürlichkeit, Langlebigkeit, Handarbeit, Qualität und Tradition sind keine leeren Worthülsen. Im Gegenteil, diese Attribute werden mit Respekt und Ausdauer weiterhin mit Liebe zur Handweberei gepflegt.

 

Die Manufaktura Tessanda besitzt gegenwärtig mehr als 25 Schaftwebstühle mit Schnellschussanlage, die meist über hundert Jahre alt sind und im Val Müstair gefertigt wurden. 18 Webstühle in unterschiedlicher Grösse sind permanent im Gebrauch.